(c) Ida Kretzschmar
15. September 2026
von Thomas Bruhn
Neunzig? Chapeau!
Mein erstes Buch von Jurij Koch war „Der einsame Nepomuk“. Es erschien 1980 in der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlages, enthielt sechs Erzählungen und kostete 7,50 Mark. Wie es in mein Bücherregal gekommen ist? Erinnern kann ich mich daran nicht mehr. Entweder kaufte ich das Buch, weil es mir empfohlen wurde; kann sein, ich bekam es geschenkt oder es steht heute in meinem Bücherregal, weil sich die Gelegenheit bot. Das mit der Gelegenheit bedarf einer Erklärung: Damals trugen wir Parkas nicht vorrangig aus Protest, sondern um etwas zu transportieren. Bücher nämlich. In den Taschen staken die Schätze so, daß jeder, der wollte, die Titel oder die Namen der Autoren lesen konnte und sofort wußte, welch Geistes Kind die Leserin oder der Leser war. Insofern war das doch eine Art der Demonstration, eine stille Offenbarung. Lugten Bobrowski und Braun, Kerouac oder Hein, Wolf oder Kohlhase oder eben Koch heraus, grüßte man sich mit einvernehmlichem Nicken und war im Kreis Gleichgesinnter angekommen.
Ich vermute allerdings, es wird so gewesen sein: Ich werde, weil noch Zeit bis zur nächsten Straßenbahn war, in die Buchhandlung an der Haltestelle gegangen sein um in Regalen und auf Büchertischen zu blättern und zu stöbern. Ich werde auf den Augenblick gewartet haben, da die Fachverkäuferin so tat, anderwärtig beschäftigt zu sein oder nach hinten ging, weil sie mich gut leiden mochte. Stammkunde mit wenig Geld und so. Da wanderte schon mal ein schmales Bändchen unter die Kutte oder in deren unergründliche Taschen. So wie der Nepomuk. Und weil ich gerade aus Prag kam und die Figuren der Karlsbrücke noch im Hinterstübchen hatte, so auch den Nepomuk, war ich neugierig. Das Buch mußte also mit.
Später, als es um meine Finanzen besser bestellt war, verlegte ich mich aufs Kaufen von Büchern. Das war weniger nervenaufreibend. Wobei ich noch immer meine, daß, wer keine Bücher klaut, dem sollten auch keine verkauft werden.
Über die Jahre verlor ich Koch ein wenig aus den Augen, nicht aus dem Sinn. Er war einer der ersten, der sich journalistisch und literarisch mit Umweltfragen, mit grünen Themen beschäftigte. Das sprach sich rum, das war bekannt, unter anderem deshalb las man ihn. Man las ihn, weil er Kreuz bewies und nicht zu Kreuze kroch.
Als er 2020 die Grubenrandnotizen in Horka vorstellte, saß ich im Saal und staunte, wie alles Volk der Lausitz herbeiströmte, um seinem Dichter zu lauschen. Es muß ein Moment der Glückseligkeit für ihn gewesen sein. Sie hingen an seinen Lippen und nach der Lesung hatte er viele Bücher zu signieren. Er tat dies, das sah man ihm an, mit stoischer Gelassenheit, mit Vergnügen und Stolz. So wie in Horka, traf er seine Leser seit seinem Eintritt in die Literatur auf Buchbasaren und Veranstaltungen zwischen Thüringen und Ostsee. Er war einer von ihnen.
Wer ist dieser Jurij Koch? Am besten lassen wir ihn selbst sprechen:
„Ich bin Sohn (Jahrgang 36) einer sorbischen Steinarbeiterfamilie aus der Lausitz. Von der Halde des Steinbruchs in Horka kann man bei klarem Wetter die Lessingstadt Kamenz sehen. Dies erwähne ich, damit man sich vom Umfeld meines Heimatnestes ein Bild machen kann. Meine Schulen führten mich nach Crostwitz (sechs Kilometer sechs Jahre zu Fuß), in die Tschechoslowakei gleich hinter Seifhennersdorf ans Gymnasium (mit gelegentlichen schwarzen Grenzübertritten spaßeshalber), an eine obersorbische niedere und eine niedersorbische obere Schule in Bautzen und Cottbus, an eine journalistische Fakultät der Uni und eine dramaturgische Abteilung der Theaterhochschule zu Leipzig (Gelage mit eingeschmuggeltem Billigwein in „Auerbachs Keller“). Danach schrieb ich fünfzehn Jahre für deutsche Zeitschriften über Sorben, sprach beim sorbischen Rundfunk über deutsche, russische und polnische Kultur, was manchem spanisch vorkam. Mein Vater hat den härtesten Granit Europas gespalten. Er hat für uns (die Mutter, mich und meinen Bruder) ein Haus gebaut und ist dabei ums Leben gekommen. Meine Mutter hat bei drei Großbauern gedient, zwei Jungen in die Mannesjahre gebracht und niemals gebarmt. Ich schreibe (wenn nach der Publizistik noch Zeit bleibt) Geschichten, in denen Heimat und Welt vorkommen, mein Imperium Kindheit, das ganze Leben und so, Steine und Märchen, Leute wie mein Vater, auch Schurken, Lügner, Naturzerstörer, Vögel auch, und ich zeige, wie es um sie steht nach meiner Meinung.“
So einer ist das. Warum steht er in meinem Regal bei den Hausheiligen? Weil er, ein wunderbarer Erzähler, so wunderbares Deutsch schreibt. Seine Texte kommen konzis und elegant daher. Das scheint ein Widerspruch zu sein, entpuppt sich aber bei genauem Hinsehen und bei genauem Lesen als großartige, als listige Kunst.
Er schreibt auch Sorbisch, aber das was er in dieser Sprache vollbringt, kann ich nicht einschätzen. Aber Leute, die was von beiden Sprachen verstehen, sagen, daß er im Sorbischen noch, wie soll ich sagen, schalkhafter und schlitzohriger schreibt, weil es die Sprache hergibt.
Es sind schmale Bände, die seinen Namen tragen. Es ist das Gewicht der Gedanken, das zählt, nicht das des Papiers. Ich habe sie auf den Tisch an meinem Leseplatz gelegt. Dort bleiben sie eine Weile liegen, von wegen der Vorfreude und dann werde ich eines nach dem anderen, lesen, langsam, ganz langsam, von wegen des Genusses: Den Nepomuk, die Hana und das Windrad, die Grubenrandnotizen und natürlich den Kirschbaum.
Am 15. September feiert Jurij Koch seinen neunzigsten Geburtstag.
Was wünscht man einem, der für Wünsche nur an guten Tagen noch empfänglich ist, weil die Krankheit an den andern ihn in ihren Fängen hält? Eben: man wünscht ihm und seinen Leuten, daß die im Elysium ein paar Freudenfunken aus dem Feuerstein schlagen und er sich drüber wird freuen können und nicht vergißt, wie schön es war, wie schön es ist, trotz all der Barbarei um uns herum ― dieses Leben.
Lieber Jurij: Beste Wünsche und Grüße.
Thomas Bruhn


