Seite wählen
JURIJ KOCH – ALLES GUTE zum 90. GEBURTSTAG!

JURIJ KOCH – ALLES GUTE zum 90. GEBURTSTAG!

 (c) Ida Kretzschmar

15. September 2026

von Thomas Bruhn

Neunzig? Chapeau!

Mein erstes Buch von Jurij Koch war „Der einsame Nepomuk“. Es erschien 1980 in der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlages, enthielt sechs Erzählungen und kostete 7,50 Mark. Wie es in mein Bücherregal gekommen ist? Erinnern kann ich mich daran nicht mehr. Entweder kaufte ich das Buch, weil es mir empfohlen wurde; kann sein, ich bekam es geschenkt oder es steht heute in meinem Bücherregal, weil sich die Gelegenheit bot. Das mit der Gelegenheit bedarf einer Erklärung: Damals trugen wir Parkas nicht vorrangig aus Protest, sondern um etwas zu transportieren. Bücher nämlich. In den Taschen staken die Schätze so, daß jeder, der wollte, die Titel oder die Namen der Autoren lesen konnte und sofort wußte, welch Geistes Kind die Leserin oder der Leser war. Insofern war das doch eine Art der Demonstration, eine stille Offenbarung. Lugten Bobrowski und Braun, Kerouac oder Hein, Wolf oder Kohlhase oder eben Koch heraus, grüßte man sich mit einvernehmlichem Nicken und war im Kreis Gleichgesinnter angekommen.

Ich vermute allerdings, es wird so gewesen sein: Ich werde, weil noch Zeit bis zur nächsten Straßenbahn war, in die Buchhandlung an der Haltestelle gegangen sein um in Regalen und auf Büchertischen zu blättern und zu stöbern. Ich werde auf den Augenblick gewartet haben, da die Fachverkäuferin so tat, anderwärtig beschäftigt zu sein oder nach hinten ging, weil sie mich gut leiden mochte. Stammkunde mit wenig Geld und so. Da wanderte schon mal ein schmales Bändchen unter die Kutte oder in deren unergründliche Taschen. So wie der Nepomuk. Und weil ich gerade aus Prag kam und die Figuren der Karlsbrücke noch im Hinterstübchen hatte, so auch den Nepomuk, war ich neugierig. Das Buch mußte also mit.

Später, als es um meine Finanzen besser bestellt war, verlegte ich mich aufs Kaufen von Büchern. Das war weniger nervenaufreibend. Wobei ich noch immer meine, daß, wer keine Bücher klaut, dem sollten auch keine verkauft werden.

Über die Jahre verlor ich Koch ein wenig aus den Augen, nicht aus dem Sinn. Er war einer der ersten, der sich journalistisch und literarisch mit Umweltfragen, mit grünen Themen beschäftigte. Das sprach sich rum, das war bekannt, unter anderem deshalb las man ihn. Man las ihn, weil er Kreuz bewies und nicht zu Kreuze kroch.

Als er 2020 die Grubenrandnotizen in Horka vorstellte, saß ich im Saal und staunte, wie alles Volk der Lausitz herbeiströmte, um seinem Dichter zu lauschen. Es muß ein Moment der Glückseligkeit für ihn gewesen sein. Sie hingen an seinen Lippen und nach der Lesung hatte er viele Bücher zu signieren. Er tat dies, das sah man ihm an, mit stoischer Gelassenheit, mit Vergnügen und Stolz. So wie in Horka, traf er seine Leser seit seinem Eintritt in die Literatur auf Buchbasaren und Veranstaltungen zwischen Thüringen und Ostsee. Er war einer von ihnen.

Wer ist dieser Jurij Koch? Am besten lassen wir ihn selbst sprechen:

„Ich bin Sohn (Jahrgang 36) einer sorbischen Steinarbeiterfamilie aus der Lausitz. Von der Halde des Steinbruchs in Horka kann man bei klarem Wetter die Lessingstadt Kamenz sehen. Dies erwähne ich, damit man sich vom Umfeld meines Heimatnestes ein Bild machen kann. Meine Schulen führten mich nach Crostwitz (sechs Kilometer sechs Jahre zu Fuß), in die Tschechoslowakei gleich hinter Seifhennersdorf ans Gymnasium (mit gelegentlichen schwarzen Grenzübertritten spaßeshalber), an eine obersorbische niedere und eine niedersorbische obere Schule in Bautzen und Cottbus, an eine journalistische Fakultät der Uni und eine dramaturgische Abteilung der Theaterhochschule zu Leipzig (Gelage mit eingeschmuggeltem Billigwein in „Auerbachs Keller“). Danach schrieb ich fünfzehn Jahre für deutsche Zeitschriften über Sorben, sprach beim sorbischen Rundfunk über deutsche, russische und polnische Kultur, was manchem spanisch vorkam. Mein Vater hat den härtesten Granit Europas gespalten. Er hat für uns (die Mutter, mich und meinen Bruder) ein Haus gebaut und ist dabei ums Leben gekommen. Meine Mutter hat bei drei Großbauern gedient, zwei Jungen in die Mannesjahre gebracht und niemals gebarmt. Ich schreibe (wenn nach der Publizistik noch Zeit bleibt) Geschichten, in denen Heimat und Welt vorkommen, mein Imperium Kindheit, das ganze Leben und so, Steine und Märchen, Leute wie mein Vater, auch Schurken, Lügner, Naturzerstörer, Vögel auch, und ich zeige, wie es um sie steht nach meiner Meinung.“

So einer ist das. Warum steht er in meinem Regal bei den Hausheiligen? Weil er, ein wunderbarer Erzähler, so wunderbares Deutsch schreibt. Seine Texte kommen konzis und elegant daher. Das scheint ein Widerspruch zu sein, entpuppt sich aber bei genauem Hinsehen und bei genauem Lesen als großartige, als listige Kunst.

Er schreibt auch Sorbisch, aber das was er in dieser Sprache vollbringt, kann ich nicht einschätzen. Aber Leute, die was von beiden Sprachen verstehen, sagen, daß er im Sorbischen noch, wie soll ich sagen, schalkhafter und schlitzohriger schreibt, weil es die Sprache hergibt.

Es sind schmale Bände, die seinen Namen tragen. Es ist das Gewicht der Gedanken, das zählt, nicht das des Papiers. Ich habe sie auf den Tisch an meinem Leseplatz gelegt. Dort bleiben sie eine Weile liegen, von wegen der Vorfreude und dann werde ich eines nach dem anderen, lesen, langsam, ganz langsam, von wegen des Genusses: Den Nepomuk, die Hana und das Windrad, die Grubenrandnotizen und natürlich den Kirschbaum.

Am 15. September feiert Jurij Koch seinen neunzigsten Geburtstag.

Was wünscht man einem, der für Wünsche nur an guten Tagen noch empfänglich ist, weil die Krankheit an den andern ihn in ihren Fängen hält? Eben: man wünscht ihm und seinen Leuten, daß die im Elysium ein paar Freudenfunken aus dem Feuerstein schlagen und er sich drüber wird freuen können und nicht vergißt, wie schön es war, wie schön es ist, trotz all der Barbarei um uns herum ― dieses Leben.

Lieber Jurij: Beste Wünsche und Grüße.

Thomas Bruhn

Raus ins Grüne – zur Fercher ObstkistenBühne

Raus ins Grüne – zur Fercher ObstkistenBühne

Obstkistenbühne Ferch

 (c) Protze

17. Juli 2026

von Dr. Ingrid Protze, „Obstkistenbühne Ferch“

Mit der Fercher ObstkistenBühne sind wir alle dieses Jahr um 34 Jahre älter geworden, wir Künstler und auch Teile unseres Publikums.
Unsere inzwischen erwachsenen Kinder sowie die Kinder der Zuschauer*innen tauchen nun mit eigenen Kindern, unseren Enkeln, in die Familien- und Abendprogramme ein. Es spielen seit 1992 in Ferch am Schwielowsee Wolfgang Protze, Gitarre und Gesang, Gerald Bassing Saxophone, Winfried Rogel Keyboards und Ingrid Protze Akkordeon und Gesang.

„Schon vor 25 Jahren saß ich mit meiner Familie in der Sommersaison in der ersten Reihe, klatschte im Takt mit den Holzpantinen und sang textsicher die Refrains der Klassiker mit. Regelmäßig summe ich den Wiesensteg-Reggae vor mich hin…erzähle die Legende von der Fercher Fee, wenn der Nebel aufzieht. Besonders freue ich mich daher, daß unser Sohn und sein Cousin nun ebenfalls mit den Liedern der ObstkistenBühne aufwachsen dürfen.

Der Konzertauftakt am Fahrradsonntag war bereits ein voller Erfolg, denn die Kinder durften die vielen Details im Garten entdecken, konnten tanzen, sich verkleiden und sogar schon ein bißchen beim Beeren-Quiz mitraten….“ schrieb Franziska M.u.a. im „Der Havelbote“ vom Okt. 2025.

Das Rhythmusklappern mit den märkische Holzpantinen an den Händen ist zu einem wichtigen Alleinstellungsmerkmal, märkischen Klangraum und internationalen Kommunikationsmittel geworden. Viel Taktgefühl wird den Konzertgästen abverlangt beim Klappern für Anfänger, Fortgeschrittene und für Profis. Der Zweitnamen der ObstkistenBühne als „Märkisches-Holzpantinen-Musik-und-Literatur- Theater-im Grünen“ nimmt direkten Bezug auf das einstige Schuhwerk der Obstbauern.

Schließlich finden die Veranstaltungen auf einem alten Obstbauernhof, dem „umfriedeten Bereich“, eines Hofs, statt. Rasen bildet das Parkett, die Bühne ähnelt einer vergrößerten, auf die Seite gekippten Obstkiste, Obstbäume und die mehr als 100jährige Linde beschatten das Ensemble. Von Zitty rührt die Bezeichnung her„Skurrilste Bühne Brandenburgs“.

Die Programmrubriken „Frisch Gepreßtes“, „Immergrünes“ und „Fallobst“ deuten schon auf den Witz, den Humor und die Pointen der Lieder hin, die Liedermacher und künstlerischer Leiter Wolfgang Protze in seinen Texten und Musiken aufscheinen läßt.

Theodor Fontane hat vor ca. 150 Jahren unsere Landschaft durchwandert oder hat sie per Eisenbahn oder auf der Pferdestraßenbahn erfahren. Von seiner Bootstour übern Schwielow schreibt er „…die Segel standen blendend weiß“…und „dahinten lag das einsame Ferch“. Kein Wunder, daß er zum 5. Mitspieler aller Veranstaltungen avancierte. Insbesondere Texte aus seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, Band 3 Havelland, erlauben uns einen historischen, aber vor allem auch, poetischen Zeitvergleich.

Ein großer Fan schrieb einst: Ob im Land Brandenburg, in Deutschland, in Europa oder gar Übern See; nach dem ersten Lied weiß man, woher die Künstler stammen: „Ahoi Piraten vom Schwielowsee“ oder „Old Ferch – New York“, selbst wenn sie in englischer oder italienischer Sprache erklingen…

34 Jahre sind eine lange Zeit, nicht zuletzt ermöglicht durch die Unterstützung von Kommune, Landkreis und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Sponsoren und unermüdliche ehrenamtliche Hilfe.

Zum 35. Male heißt es vom 2. August bis zum 14. August wieder: „Raus ins Grüne“ in den Abendkonzerten: „Landmusik vom Drehort Schwielowsee“ und „Mit Fontane um den Schwielowsee – von Caputh (Brandenburg) nach Caputh (Schottland) und den Familienprogrammen „Mit Fontane beim Vogelscheuchenball am Schwielow.“

www.fercherobstkistenbuehne.de

Henryk Bereska als Fährmann deutsch-polnischer Übersetzungen: Die beiden Fahrten des Poetendampfers im Mai 2026

Henryk Bereska als Fährmann deutsch-polnischer Übersetzungen: Die beiden Fahrten des Poetendampfers im Mai 2026

 (c) Jan Borchert -www.katzenfabrik.com

17. Juni 2026

von Dr. Friederike Frach
Brandenburgischer Literaturrat e.V.

Am 17.05.2026 wurde die Oder nicht nur zum Schauplatz einer literarischen Begegnung, sondern auch zu einem bewegten Erinnerungsraum: Mit den zwei Fahrten des Poetendampfers zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice griff das Projekt die Idee des deutsch-polnischen Austauschs auf ganz unmittelbare Weise auf. An Bord eines Charterboots mit Platz für bis zu 30 Personen kamen Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Polen mit ihren Texten, ihren Perspektiven und dem Publikum ins Gespräch. Um 11 Uhr lasen Krzysztof Fedorowicz (Polen), Björn Kern (Deutschland) und Maria Sidorska-Ryczkowska (Polen); um 18 Uhr waren Uwe Rada (Deutschland) und Carmen Winter (Deutschland) zu erleben. Außerdem konnte Maria Sidorska-Ryczkowska einen weiteren Text vorstellen, da sie für den erkrankten Artur Daniel Liskowacki (Polen) einsprang. Alle literarischen Beiträge hatten „Oder“ bzw. „Fluss“ zum Thema.

Besonders eindrucksvoll war die zweisprachige Lesung eines Gedichtes Henryk Bereskas. Sie machte noch einmal deutlich, wie eng sein Werk mit der literarischen Vermittlung zwischen Polen und Deutschland verbunden ist. Bereska war neben Karl Dedecius einer der wichtigsten Übersetzer polnischer Literatur in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Übertragungen trug er dazu bei, Stimmen wie Zbigniew Herbert, Tadeusz Różewicz oder Adam Zagajewski einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.

Die beiden Fahrten rahmten die Feierlichkeiten zu Bereskas 100. Geburtstag im Collegium Polonicum auf gelungene Weise ein. Gleichzeitig verliehen sie dem Gedenken eine lebendige Form: Literatur wurde hier nicht nur gelesen, sondern gemeinsam erlebt – auf dem Wasser, im Grenzraum, mitten zwischen zwei Städten und zwei Kulturen.
Moderiert wurden die Lesungen von Prof. Dr. Marta Bąkiewicz und Dr. Wolfgang de Bruyn, während Dr. Ilona Czechowska und Dr. Friederike Frach die literarischen Übersetzungen vortrugen. So entstand ein vielseitiges Programm, das den Dialog zwischen den Sprachen und Literaturen sichtbar machte.

Das Projekt zeigte eindrucksvoll, wie wichtig es ist, kulturellen Austausch in der Grenzregion weiter zu pflegen. Es erinnerte an Henryk Bereskas Wirken und zeigte zugleich, dass seine Arbeit bis heute Brücken schlägt.

Gefördert vom Klein-Projekte-Fonds der Euroregion PRO EUROPA VIADRINA

Euroregion PRO EUROPA VIADRINA
ver.di Literaturpreis: „Ellie & Oleg“ von Katja Ludwig

ver.di Literaturpreis: „Ellie & Oleg“ von Katja Ludwig

Katja Ludwig (2. v.l.) und die Juroren, R. Stöckel, M. Wildner, B. Roscher (v.l.n.r.)

 (c) Christian von Polentz

Ein Buch, das Mut macht

28. November 2024

von Reinhard Stöckel

Der ver.di Literaturpreis 2024 wurde in diesem Jahr in der Sparte Kinderbuch vergeben. Die Jury, der ich gemeinsam mit Martina Wildner (VS-Vorstand Berlin) und Benjamin Roscher (stellv. Landesbezirksleiter ver.di) angehörte, hatte unter 25 Einsendungen eine schwierige Wahl. Unter mehreren Favoriten entschieden wir uns jedoch einstimmig für „Ellie & Oleg“ von Katja Ludwig. Am 28. November fand die Verleihung im neuen Domizil des Landesbezirks Berlin-Brandenburg im Berliner Westend statt. Und mir war die Aufgabe zugefallen, eine Laudatio zu halten. Der Text sei hier wiedergegeben, auch um dem Buch weitere Leserinnen und Leser zu gewinnen:

Ellie & Oleg – der Schriftzug auf dem Cover lässt an einen Western denken wie Lucky Luke oder eine Klassiker wie Tom Sawyer & Huckleberry Finn, auf jeden Fall an Abenteuer. Der Untertitel und die Zeichnung versprechen Spannung: zwei Kinder allein und auf der Suche. Wonach? Hund oder Katze können es nicht sein, denn die sitzen dabei. Und wo? Nicht im Wilden Westen nicht auf einer Insel wie Robinson Crusoe, sondern, das Vorsatzblatt verrät es, die Prärie liegt an der Oder.
Und in der Gegenwart, genauer im März 2022. Dies verrät uns, den Leserinnen und Lesern, ein Fahndungsaufruf der Polizei. Und wir erfahren, nicht nur Ellie & Oleg sind auf der Suche, sondern auch die Polizei sucht nach den beiden Geschwistern mit „Foto“.

An dieser Stelle sei gesagt, es ist auch die graphische Gestaltung, es sind Typographie und Vignetten von Heike Herold, die für das Auge Fährten legen. Wohin führen Sie uns?

Wir treffen die zwölfjährige Ellie und ihren 8-jährigen Halbbruder Oleg zu Hause in einer kleinen Siedlung an der Oder. Dorthin ist die Familie vor kurzem gezogen, aus der Stadt. Die Geschwister warten auf die Eltern, die nur mal schnell noch ein paar Sachen aus der alten Wohnung holen wollten. Unbedingt wollten Ellie und Oleg allein bleiben, ohne elterliche Aufsicht und ohne das nervige Schwesterchen Lilac. Doch dann kommen die Eltern nicht wie geplant am Nachmittag zurück. Sie kommen nicht in der Nacht und auch nicht am nächsten Morgen.

Was ist bloß los? Was ist passiert? So fragen wir uns gemeinsam mit Ellie und Oleg. Und sind sofort mittendrin in dieser Geschichte und ihrem Konflikt: zwei Kinder allein zu Hause, ja – dieses Gefühl schafft der Text zu vermitteln – allein auf der Welt. Der Bogen ist gespannt, wohin der Pfeil der Erzählerin fliegt, wissen wir nicht, können nur hoffen, dass es gut ausgeht. Und jede Antwort ist dramaturgisch geschickt verknüpft mit einer neuen Frage:
Warum werden Ellie & Oleg gesucht?
Wo sind die Eltern abgeblieben?
Wie kommen die Kinder allein zurecht?
Was also ist geschehen?
So viele Fragen und kein Handy.

Wo ist bloß das Handy, Ellie hat es doch hundertpro mitgenommen. Doch nur Ladekabel und Powerbank liegen auf ihrem Nachttisch.
Die gute Nachricht: ein Leben ohne Handy ist möglich, sogar ohne Eltern, zumindest ein paar Tage lang.
Nach und nach erfahren wir: Ausgangssperre, Quarantäne… Da war doch mal was, ach ja, Corona. Ist das nicht Schnee von gestern?
Das große P, die Pandemie, geht um in dieser Geschichte. Dies ist als Rahmen gesetzt, dies bestimmt den Plot, macht ihn – hierzulande heutzutage – erst realistisch.

Zehn Tage sind wir mit Ellie & Oleg allein und auf der Suche. Das Essen wird knapp – Trauti, die Nachbarin ist ebenfalls verschwunden – vergeblich warten die Kinder an der Haltestelle auf eine Bus; der Fußweg ins Dorf endet an der Brücke über die Kleine Oder, vor einem provisorisch aufgestelltem Blechtor: „Sperrgebiet, Betreten verboten!“
Wohnt da nicht am Ende der Siedlung noch einer? Einer der sich Bill Buffalo nennt und ein Trinker ist. Bestimmt hat der ein Telefon! Doch der Suffkopp, so nennen ihn die Kinder, verjagt sie mit einem Gewehr…

Ellie ist es, die uns, den Leserinnen und Lesern, alles erzählt. Und sie erzählt es im Präsens, das macht die Geschichte der beiden Kinder sehr gegenwärtig. Keine erzählerische Vergangenheitsform signalisiert: es ist vorüber, es ging gut aus, muss ja, sonst könnte Ellie es ja nicht erzählen…

Das Mädchen erzählt von ihrer Familie, einer die man heute Patchwork-Family nennt, und in diesem Erzählen, spüren wir die zunehmende Sehnsucht nach den Eltern, Mommi und Ron genannt, ja sogar nach der plärrenden Schwester oder nach dem großen Bruder, der in der Stadt blieb, um sein Abi zu machen.
Wir hören wie Oleg, wenn er fies ist, seine schwarze Halbschwester Schokokuss nennt und sie den schwedenblonden Oleg, Schweinsohr. Beides Lecker, wie sie finden, wenn sie sich dann wieder vertragen.
Wir erfahren von Ellies Sorge um ihren kleinen Bruder, um das tägliche Essen, allein das wird zur Herausforderung. Wir hören von ihrer Furcht vor Gefahren wie den Suffkopp oder einen Auerochsen. Und wir sehen, wie sie Verantwortung übernimmt und lernen ihre Stärke kennen.
Wir bestaunen Olegs Einfallsreichtum, und fühlen seinen Ängsten nach, die er im Gegensatz zu Ellie offen zeigt, sind mit ihm dankbar für Trost und Bratkartoffeln.
Nach einer vergeblichen Expedition durch die Prärie auf der Suche nach Hilfe, liegt Ellie mit Fieberfantasien im Bett. Und jetzt ist es der kleine Bruder, der sich um sie kümmert und sich an Dinge wie Wadenwickel erinnert. Aber ist es eine gute Idee, zu versuchen, beim Suffkopp eine Flasche Bier gegen Eier tauschen zu wollen?

Die Autorin zeichnet die Charaktere der zwei Kinder sehr einfühlsam und differenziert, so dass der Text fernbleibt von Heldenklischees.
Und es ist eine immer wieder auch poetische Sprache, die inmitten aller Spannung durchatmen lässt:
Blühende Pflaumenbäume „sehen aus weiße Wolken, die in Ästen hängengeblieben sind.“
Selbst das Gefühl der abendlichen Verlassenheit, enthält etwas Tröstliches, wenn und vor allem weil Ellie dafür Worte findet, für dieses „Nichts aus Tintenblau und grau“.
Und dann wieder hören wir das romantische Rascheln des Schilfs im Abendwind. Doch die Zeit der Gutenachtgeschichten ist vorüber. Der Wind, denkt Ellie, „WILL uns in den Schlaf wiegen. Ich hoffe, er schafft es.“
Was wir aus dieser Geschichte lernen können?
Wie man Müsli zu Mehl macht und das Mehl zu Muffins.
Wie man Brennesselpamps zubereitet.
Und wie man mit Schmelzkäse wilde Hunde zähmt.
Wirklichkeitsnah beschriebt Katja Ludwig die Über-Lebensmittel der Kinder, so dass dieses Buch auch zu dem wird, was Ellie und Ollie nach getaner Arbeit aufschreiben, nämlich „Das einzig wahre Survival-Buch für Kinder“.

Und das ist, neben den stilistisch-erzählerischen Reizen dieses Romans, ein weiteres nicht gering zu schätzendes Plus: das Thema im Hintergrund. Das Thema, das eben nicht als Schnee von gestern längst dahingeschmolzen ist: das große P.
Eine vom Wissenschaftsjournal „The Lancet“ initierte Kommission untersuchte die mentale Gesundheit in den Industrieländern. Die internationalen Experten stellten fest, dass junge Menschen bis 25 Jahren eine „Hochrisikogruppe für psychische Erkrankungen“ bilden. Befragt nach einem Zusammenhang den Corona-Maßnahmen erläuterte der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert in einem Interview, das vor allem die soziale Isolation die Persönlichkeits-entwicklung beeinträchtigt habe, man könne hier „von einem Kipppunkt sprechen, analog zum Klimawandel“ mit weitreichenden Folgen, gesellschaftlich und vor allem für die Betroffenen. Neben gesellschaftlicher Aufmerksamkeit für dieses Problem fehlten den jungen Menschen, so die Lancet-Kommission, auch „Heldenerzählungen“. D.h. Erzählungen über Gleichaltrige, die wie sie vor Schwierigkeiten stehen, die manchmal scheitern, die aber mit Hilfe von Freunden oder älteren Menschen dennoch ihren Weg finden.

„Ellie & Oleg“ ist so eine „Heldenerzählung“, die nach wie vor aktuell ist. Denn große P wirkt nach, und andere Krisen, die großen K, seien es Klimawandel oder Krieg, verunsichern vor allem die junge Generation.
Diese Geschichte zweier Kinder, die sich durchschlagen, die sich durchkämpfen, durch eine bedrohliche Gegenwart, in eine ungewisse Zukunft. Es zeigt seinen jungen Leserinnen und Lesern: Ihr könnt das! Ihr seid stark!
Lassen wir sie dabei nicht allein! So wie dieses Buch sie nicht allein lässt, sondern Mut macht.

 

Hier ist herrlich lesen – 100 Jahre Bibliothek in Peitz

Hier ist herrlich lesen – 100 Jahre Bibliothek in Peitz

F. Fränkel, I. Göbel, C. Pipka, J. Weinert, R. Rauca, T. Bruhn (v.l.n.r.)

Fotos: M. Huhle (c) Amt Peitz

06. Oktober 2023

von Reinhard Stöckel

Jazz- und Karpfenfans kennen Peitz. Und alljährlich pilgern sie zu den Jazztagen oder den Karpfenwochen in dieses Städtchen nördlich von Cottbus. Zumindest einer von ihnen, nämlich der Autor dieses Beitrags, fuhr an diesem milden Oktoberabend dorthin, um einen 100. Geburtstag zu feiern, nämlich den der Bibliothek des Amtes Peitz.

„1923 gründeten Peitzer Bürger auf Beschluss des Magistrats eine Bücherei, um insbesondere der sozial schwachen Einwohnerschaft den Zugang zur Literatur zu ermöglichen.“  So beschreibt Mirko Huhle, im Amt Peitz zuständig für Kultur und Tourismus, den Beginn dieser hundertjährigen Entwicklung von einer kleinen Volksbücherei zur Stadt- und Amtsbibliothek. Nicht zuletzt durch den Umzug im Jahr 2006 in die großzügigen Räume der ehemaligen Tuchfabrik Carl Rehn & Söhne wurde die Einrichtung zu einem literarischen und kulturellen Zentrum der Stadt und der umliegenden Gemeinden.

So sieht man der alten Dame Bibliothek ihre hundert Jahre nicht an. Und sie ist ein lebendiges Beispiel, wie eine solche Einrichtung wechselnde Zeiten und vor allem deren Einsparungswellen überdauert.

Wahrlich ein Grund zum Feiern! Das Team der Bibliothek um Frau Pipka und das Amt hatten eingeladen. Schließlich hatten sich einige Brandenburger Autorinnen und Autoren angekündigt, um mit einer Lesung zu gratulieren. „Hier ist herrlich lesen“ war deren Motto angelehnt an den Titel der Jubiläumsanthologie des VS.  Thomas Bruhn als Vorsitzender gratulierte denn auch im Namen des Verbandes.

Stellvertretend für die Amtsdirektorin hielt Frau Lichtblau die Festrede und lud zu Torte (statt Karpfen) und einem Büfett. So konnten die etwa 20 Gäste danach entspannt, ohne Magenknurren und Durstgefühle, der Lesung lauschen und ebenso den jazzigen Klängen von Lu Schulz am Saxophon und Felix Fränkel an der Gitarre.

Ines Göbel von der Cottbuser Literaturwerkstatt führte professionell durch den Abend. Als erste befragte sie Jana Weinert, die aus ihrem jüngsten Buch „Nachtbaden“ las und in einem neueren Text auf amüsante Weise die Frage beantwortete, was ein Brandenburger Landwein und ein echter Brandenburger gemeinsam haben.

Anschließend gab Reglindis Rauca Einblick in ein sehr beklemmendes Kapitel ihrer Familiengeschichte. In einem Auszug aus ihrem Manuskript mit dem Arbeitstitel „Schatten und Licht“ folgt sie deren Spuren bis in die Gegenwart. In Litauen, wo ihr Großvater an der der Ermordung von 10.000 Juden beteiligt war, begegnet sie einer Überlebenden.

Eher heiter beschloss Thomas Bruhn die Leserunde. Seine „Abgrundtiefen Aufzeichnungen“ gaben einen Einblick in das Leben eines ostdeutschen Paares in der Zeit vor dem Mauerfall und ihre erste „Westreise“ danach. Ein Text der spielerisch eine Antwort auf die ernste Frage sucht: Was ist Heimat?

Dieser anregende Abend mit Musik & Literatur war ein Grund mehr im Anschluss bei interessanten Gesprächen miteinander auf die nächsten hundert Jahre anzustoßen: Auf dass Kultur an solchen Orten eine Heimat hat.

Tag und Traum in Notizen – Werkstatt mit Carmen Winter

Tag und Traum in Notizen – Werkstatt mit Carmen Winter

Symbolbild

22. November 2022

von Jana Weinert

Schreiben bedeutet für viele von uns in einer Art Schreibmodus zu leben. Nein, keine Dauertrance. Eher eine Art erhöhte Wahrnehmungsbereitschaft mit speziellen Sensoren für besondere, poetische, spannungsvolle Begebenheiten, mit einem Instinkt für das Unerhörte, mit einem Empfangsnetz für Geschichten. Würden wir ihn nicht wahrnehmen, den poetischen Moment, würde er womöglich Haste-nicht-gesehen! vom Tagesradau und vom hektischen Zeitgeist überfahren, übertönt und in Vergessenheit geraten.

Nun hat man ihn behutsam eingefangen, den besonderen Moment – nur wohin damit in der Eile? Und wie am besten aufbewahren für später, für den passenden Zeitpunkt, an dem sich der frische poetische Fang lebendig einfügen lässt in ein größeres Gesamtwerk, oder sogar für sich allein steht und gut eingekleidet neu in die Welt hinauslaufen und von sich erzählen kann, so, dass er gehört und gesehen wird?

Für diese und andere Fragen lud Carmen Winter am 22.11.22 zu einer Werkstatt ein. „Tagebücher und Notizen“ war das Thema. Carmen Winter brachte Literatur sowie Kostproben eigener Arbeiten und Sammelsurien mit. Auch wir Teilnehmenden waren eingeladen worden, Tagebücher beizusteuern, was der Werkstatttisch der Galerie Brandel, an dem wir uns niedergelassen hatten, deutlich am Gewicht verschiedener Buchbindearbeiten zu spüren bekam. Wir saßen in einem der schönsten Räume in Berlin Friedrichshagen. Hier, zwischen Kunst und antiquarischen Büchern, unter einem Glasdach und quasi offenem Himmel lässt es sich gut konzentriert reden und arbeiten.

Es hatten allerdings Kolleginnen und Kollegen absagen müssen, so blieb die Runde klein. Die Herbstgrippe geht um. Eine von uns musste sich sogar um einen Igel in Not kümmern – da war er schon wieder, der besondere Moment.

Carmen Winter versorgte uns mit Anregungen aus der Literatur und mit Erkenntnissen, die sie in eigener Praxis mit Tagebüchern und Notizen gewonnen hatte. Es kam zwischen uns zu einem regen und anregenden Austausch –  Sinn und Zweck dieser Runde.

Auf welche Weise lassen sich Alltagsbeobachtungen einfangen, festhalten? Wann oder warum begannen wir Tagebücher zu führen? Welche Kostbarkeiten sind darin aufbewahrt? Wie sind sie nutzbar? Wie ist der inzwischen meist große Fundus erschließbar?  Natürlich dachten wir mit Ehrfurcht an Arno Schmidts Zettelkästen – aber welche Methoden nutzen andere und welche haben wir selbst bereits probiert. Auch ging es um die Erfahrungen mit digitalen Medien und sozialen Netzwerken. Um die Nutzung von Phonodiktaten, Zeitungsausschnitten und Fotos, oder eigenen Zeichnungen in Kombination mit Texten. Es ging um Traum-Notizen und wie Autoren damit bereits gearbeitet haben. Die Runde Lust auf mehr und darauf, weiter auf Empfang zu gehen – im Außen und im Innern.

Für alle die jetzt mit Grippe und Tee zu Hause bleiben mussten, und für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Im Frühjahr möchte Carmen Winter die Werkstatt noch einmal anbieten.